In Bewegung bleiben: Was Sport bei MS bewirken kann
Körperliche Aktivität ist viel mehr als nur Sport im klassischen Sinn. Jede Bewegung, die den Energieverbrauch erhöht, zählt dazu – also auch Spazierengehen, Treppensteigen oder Gartenarbeit. Sport hingegen ist gezielt geplant, wird wiederholt durchgeführt und hat das Ziel, die körperliche Fitness zu verbessern oder zu erhalten. In unserem Online-Seminar erklärte Dr. Sina Rosenkranz, Leiterin der MS-Ambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, warum Bewegung für Menschen mit MS eine wichtige Rolle spielt – und weshalb schon vergleichsweise kleine Veränderungen im Alltag einen Unterschied machen können.

Bewegung und Sport bei MS
Bewegung wirkt sich auf viele Bereiche des Körpers positiv aus: Sie stärkt die Muskulatur, verbessert den Stoffwechsel, unterstützt Herz und Kreislauf, senkt das Risiko für Übergewicht, wirkt günstig auf die Knochengesundheit und beeinflusst sogar das Mikrobiom. Auch darüber hinaus gibt es zahlreiche Hinweise, dass körperliche Aktivität die allgemeine Gesundheit nachhaltig fördern kann.
Viele Menschen glauben, nur intensiver Sport bringe gesundheitliche Vorteile. Doch so einfach ist es nicht. Dr. Rosenkranz betont, dass bereits regelmäßige Alltagsbewegung viel bewirken kann. So zeigte eine Studie an älteren Frauen, dass schon etwa 7.500 Schritte pro Tag mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden waren.1 Noch mehr Schritte führten dagegen nicht automatisch zu einem zusätzlichen Vorteil. Entscheidend ist also nicht unbedingt das Maximum, sondern dass überhaupt regelmäßig Bewegung stattfindet.
Auch Menschen, die ihre sportliche Aktivität vor allem auf das Wochenende konzentrieren – oft als „Weekend Warrior“ bezeichnet – können profitieren. Wichtig ist vor allem die gesamte Aktivität über die Woche hinweg.

Kann Bewegung das Risiko für MS beeinflussen?
Einige Studien deuten darauf hin, dass körperliche Aktivität mit einem geringeren Risiko für MS assoziiert sein könnte. Laut einer von Dr. Rosenkranz vorgestellten Untersuchung zeigte sich ein solcher Zusammenhang insbesondere dann, wenn mindestens eine Stunde pro Woche eine Aktivität ausgeübt wurde, die die Atmung spürbar beschleunigt.2
Allerdings muss man solche Ergebnisse vorsichtig einordnen. Menschen, die sich regelmäßig bewegen, haben häufig insgesamt einen gesünderen Lebensstil. Deshalb lässt sich nicht immer klar sagen, ob die Bewegung allein für den beobachteten Effekt verantwortlich ist oder ob weitere Faktoren mit hineinspielen.

Welche Vorteile hat Sport bei bestehender MS?
Für Menschen, die bereits an MS erkrankt sind, ist die Datenlage deutlich klarer. Viele Studien zeigen, dass Sport und regelmäßige Bewegung wichtige Beschwerden günstig beeinflussen können. Dazu gehören vor allem: die körperliche Leistungsfähigkeit von Herz und Lunge, die Muskelkraft, Fatigue, depressive Symptome und die Lebensqualität
Weniger eindeutig ist die Studienlage bisher bei Fragen wie Schubrate, Krankheitsprogression, Kognition oder einem direkten krankheitsmodifizierenden Effekt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keinen Nutzen gibt – sondern dass die wissenschaftlichen Daten hierzu bislang noch nicht eindeutig genug sind.
Dr. Rosenkranz weist darauf hin, dass aus anderen Erkrankungen, zum Beispiel aus der Demenzforschung, bereits Hinweise auf positive Effekte von Bewegung auf das Gehirn vorliegen. Deshalb ist es durchaus plausibel, dass körperliche Aktivität auch bei MS langfristig neuroprotektive Wirkungen haben könnte.

Was passiert im Körper durch Sport mit MS?
Sport wirkt nicht nur auf Muskeln und Ausdauer, sondern offenbar auch auf das Immunsystem und das Nervensystem. Nach körperlicher Belastung kommt es zunächst zu einer vorübergehenden Zunahme bestimmter Immunzellen im Blut, etwa von T-Zellen, B-Zellen und natürlichen Killerzellen. Dieser Effekt reguliert sich aber nach dem Training langsam wieder auf ein normales Maß.
Außerdem sprechen wissenschaftliche Daten dafür, dass Sport die Neubildung von Nervenzellen fördern könnte. Eine wichtige Rolle spielt dabei unter anderem BDNF – ein Wachstumsfaktor, der Nervenzellen unterstützt und schützt. Auch Entzündungsprozesse können durch körperliche Aktivität beeinflusst werden.
Besonders spannend sind Studien, die strukturelle Veränderungen im Gehirn zeigen. So wurde in einer Untersuchung beobachtet, dass regelmäßiges Walken über ein Jahr hinweg zu einer Vergrößerung des Hippocampus führte – einer Hirnregion, die unter anderem für Lernen und Gedächtnis wichtig ist. Solche Ergebnisse machen Hoffnung, dass Bewegung nicht nur Symptome lindern, sondern auch das Gehirn direkt positiv beeinflussen kann.

Was empfehlen Fachleute Menschen mit MS?
Die Botschaft des Seminars ist klar: Sport und Bewegung sind grundsätzlich für alle Menschen mit MS empfehlenswert – selbstverständlich angepasst an die individuellen Möglichkeiten, Beschwerden und das persönliche Leistungsniveau.
Dr. Rosenkranz verwies auf die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Diese raten Erwachsenen allgemein unter anderem zu:
- zweimal pro Woche Krafttraining
- 75 bis 150 Minuten intensiver Bewegung pro Woche oder 150 bis 300 Minuten moderater Bewegung pro Woche
Fazit
Das Seminar von Dr. Sina Rosenkranz macht deutlich: Bewegung bei MS ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich sinnvoll. Regelmäßige körperliche Aktivität kann Kraft, Ausdauer, Fatigue, Stimmung und Lebensqualität verbessern. Ob Sport darüber hinaus auch direkt auf Krankheitsverlauf und Gehirngesundheit einwirkt, wird weiter erforscht – erste Hinweise sind jedoch vielversprechend. Besonders wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass nicht nur intensiver Sport zählt. Auch Alltagsbewegung kann helfen. Wer sich regelmäßig bewegt, tut seinem Körper und möglicherweise auch seinem Nervensystem etwas Gutes.
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