Bei der MS greift das Immunsystem fälschlicherweise das Nervengewebe an. Mit krankheitsmodifizierenden Therapien (engl. Disease Modifying Therapies, kurz DMTs) kann das Immunsystem reguliert werden und die Progression der Erkrankung verlangsamt werden. Wenn diese Medikamente nicht wirken, steht noch eine weitere Therapieoption zu Verfügung – die Stammzelltherapie. Alice Willison vom Universitätsklinikum Düsseldorf erklärte in unserem medizinischen Online-Seminar „Stammzelltherapie – Chancen & Risiken erklärt“ wie die Therapie abläuft und für welche Patient*innen sie in Frage kommt.
Stammzellen im Knochenmark sind der Ausgangspunkt für die Bildung aller Blutzellen, einschließlich der Immunzellen, die bei der MS fehlgeleitet sind. Mit der autologen hämatopoetische Stammzelltransplantation (AHSCT) können Stammzellen neu programmiert werden, dafür verfolgt diese Form der Stammzelltherapie einen besonderen Ansatz:
Wie läuft die Stammzelltherapie ab?
Vor Beginn der Therapie ist eine gründliche Untersuchung und Aufklärung durch die Neurologie und die Hämatoonkologie erforderlich, bei denen der/die Patient*in auch auf bestehende Begleiterkrankungen und chronische Infektionen untersucht wird. Wenn der Betroffene fit genug ist, werden zunächst Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut freigesetzt, entnommen und eingefroren. Danach werden alle Immunzellen des fehlgeleiteten Immunsystems durch eine Chemotherapie zerstört.
Für die Chemotherapie ist eine stationäre Aufnahme von mindestens 2 Wochen erforderlich. Da das Immunsystem in der Zeit nahezu ausgelöscht ist, ist eine Isolation erforderlich. Nach der Chemotherapie werden die entnommenen körpereigenen Stammzellen wieder zurück in den Körper transplantiert. Diese bauen dann ein neues Immunsystem auf, das die Nervenzellen nicht mehr als Feind erkennt. In der Zeit ist eine regelmäßige Nachsorge sowie eine Reha erforderlich.
Chancen….
Die Stammzelltherapie kommt für jüngere Patient*innen unter 45 Jahren in Frage, die an einer aktiven, schubförmigen MS mit starker Entzündungs- und Krankheitsaktivität leiden und bei denen hochwirksame Medikamente nicht ausreichend helfen.
Wichtig ist: Bereits bestehende Schäden und Behinderungen oder Narben im Nervengewebe können durch die Therapie nicht rückgängig gemacht werden. Die Therapie kann die MS aber stoppen. Studien zeigen, dass nach 5 Jahren etwa 85 % der Behandelten schubfrei bleiben – im Vergleich zu rund 15 % unter herkömmlichen Medikamenten.1
…und Risiken
Da das Immunsystem im Verlauf der Therapie fast vollständig gelöscht wird, kann es akut vermehrt zu Infektionen kommen. Die Chemotherapie, die während der Stammzelltherapie durchlaufen werden muss, kann Herz- und Lunge angreifen und die Fruchtbarkeit schädigen. Als Spätfolgen sind neu auftretende Autoimmunerkrankungen, sekundäre Krebserkrankungen oder eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) möglich. Zudem zeigen Studien, dass bei 11 – 35 % der Patient*innen im weiteren Verlauf der Erkrankung erneut eine medikamentöse Therapie erforderlich wird.1
Fazit: Die Stammzelltherapie ist eine intensive, risikoreiche Behandlung, die nur in besonderen Fällen in Betracht kommt – wenn eine hochaktive MS vorliegt und andere hochwirksame Therapien versagen. Sie bietet dann die Chance, die Erkrankung zum Stillstand zu bringen. Eine Verbesserung bereits bestehender Behinderungen ist jedoch nicht zu erwarten.